Stiller Riese steht im Rampenlicht


Wer muss für die Folgeschäden der Ölpest im Golf von Mexiko bezahlen, BP oder Transocean? Das müssen amerikanische Bundesgerichte entscheiden. Transocean verweist auf BP, weil der Öl-Multi seine versunkene Förderinsel geleast hatte. Das Tiefsee-Unternehmen Transocean mit Sitz in Zug kommt unter Druck.

Von John Dyer, Boston

Als Steven Newman im vergangenen Jahr bei einem Betriebsfest einen Schautanz für seine Angestellten hinlegte, konnte er nicht ahnen, dass ein Video davon einmal im Internet über YouTube weltweit Aufmerksamkeit erregen würde. Hätte es auch nicht, wäre Newman nicht der Generaldirektor von Transocean, der Eignerfirma von Deepwater Horizon, der im Golf von Mexiko erst explodierten und dann versunkenen Ölförderplattform.

Marktführer bei Ölplattformen

Die New York Times stellte die Verknüpfung zu Newmans Tanzkünsten am Dienstag auf ihre Internetseite, im Rahmen eines großen Artikels über die heute in der Schweiz ansässige Firma Transocean, den Marktführer bei Ölplattformen und Ölsuchschiffen.

Elf Arbeiter waren bei der Explosion am 20. April ums Leben gekommen. Seither laufen täglich hunderttausende Liter Rohöl aus der Quelle am Meeresgrund in die See und verschmutzen das Wasser, die Fischgründe und Strände der Bundesstaaten Louisiana, Mississippi und, wenn das Leck nicht geschlossen wird, über die Meeresströmung auch bald Florida.

Statt Öl sprudeln Dividenden

18 demokratische Senatoren haben US-Justizminister Eric Holder aufgefordert, Ermittlungen gegen Transocean einzuleiten, weil das Unternehmen eine Milliarde Dollar an die Aktionäre ausschütten will. „Wir befürchten, dass diese rasche Aktion, Geld aus den Kassen des Unternehmens in die individueller Investoren zu verlagern, es schwerer machen, Schadensersatzklagen gegen die Firma zu führen“, schrieb Senator Ron Wyden aus Oregon in einem am Montag veröffentlichten Brief an Holder.

Der Justizminister soll sowohl Transocean als auch BP aufgefordert haben, keine Dokumente über die Deepwater Horizon zu vernichten. Öl-Multi BP hatte die Plattform von Transocean geleast. Der Schritt Holders könnte darauf hinweisen, dass eine staatsanwaltschaftliche Ermittlung bevorsteht.

Transocean will Lehren beherzigen

Transocean hat für den Freitag eine Aktionärskonferenz einberufen. Die Aktien des Unternehmens haben seit dem Unfall im Golf um 40 Prozent an Wert verloren. Das Unternehmen hält sich mit öffentlichen Erklärungen zurück. Es hat allerdings eine Trauerfeier für die elf getöteten Angestellten in Jackson im Bundesstaat Mississippi abgehalten. „Wir werden sehr hart daran arbeiten, zu verstehen, was da wirklich geschehen ist. Und wir werden alle Empfehlungen umsetzen, die aus dieser Analyse stammen, damit so etwas nicht wieder geschieht“, sagte Newman vergangene Woche bei einer Anhörung im US-Kongress.

Hochprofitabler Riese

Transocean ist weltweit in 30 Ländern tätig. Das Unternehmen beschäftigt rund 18.000 Angestellte. Es besitzt 140 Ölplattformen, darunter 25 Tiefsee-Plattformen. Das ist etwa die Hälfte aller solcher Plattformen der Welt. Transocean gilt weiterhin als Marktführer, auch wenn sein Ruf nach der Katastrophe vor New Orleans angeschlagen ist. „Transocean ist dominant, aber der Unfall hat seinen Ruf beschädigt, sowohl in Sachen Arbeitssicherheit als auch als das führende Unternehmen bei außergewöhnlich schwierigen Tiefseeprojekten“, zitiert die New York Times den Energieexperten Christopher Ruppel.

Das Unternehmen ist hochprofitabel. Allein im ersten Quartal dieses Jahres hat sie bei einem Umsatz von 2,6 Milliarden Dollar (3,0 Milliarden Franken) einen Gewinn von 677 Millionen Dollar gemacht. Im Vorjahresquartal waren es sogar 942 Millionen Dollar Gewinn gewesen.

Von Houston über die Caymans nach Zug

Transocean ist zwar im Schweizer Zug ansässig, aber seine Wurzeln liegen woanders. Das Unternehmen kommt ursprünglich aus Houston in Texas. Nach Auseinandersetzungen mit der US-Steuerbehörde IRS über eine Steuerforderung von 700 Millionen Dollar (810 Millionen Franken) zog die Firma um, zunächst in die Steueroase Cayman Islands, danach in die Schweiz nach Zug. Auch Norwegen führt nach Angaben der Times ein Steuerverfahren gegen Transocean.

Ruf und Aktienwert des Unternehmens leiden unter der Katastrophe. Ob Transocean aber auch für die Schäden des Ölunglücks aufkommen muss, ist offen. Denn die Förderanlage war von BP geleast worden. Laut Vertrag muss BP für die Schäden aus dem Unglück aufkommen. Nach dem US-Gesetz über Ölverschmutzung ist ebenfalls BP als Eigentümer der Ölquelle auf dem Meeresboden verantwortlich für die Schadensregulierung.

Berufung auf ein uraltes Gesetz

Transocean hat bei einem Bundesgericht im texanischen Houston beantragt, seine Haftung auf 27 Millionen Dollar zu begrenzen, den Wert der untergegangenen Plattform. Man beruft sich dabei auf ein Seegesetz aus dem Jahre 1851.

In Houston sind noch weitere Verfahren anhängig. Mehr als 130 Fischer von der Golfküste haben Schadensersatzklagen eingereicht, weil sie seit der Ölpest nicht mehr arbeiten können und hohe Verluste haben.

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