Basisdemokratie im Musikgeschäft


Demokratie als Werbemittel: Für zehntausende Jugendliche ist war am Mittwoch in Japan Wahltag. Mit ihren Stimmzetteln bestimmen sie, welche Mädchen die neue Single von „AKB48“ einspielen dürfen. Der Haken: Nur wer die letzte CD gekauft hat, darf mitwählen. Die Politiker wollen davon lernen.

Von Susanne Steffen, Tokio

Erst vor wenigen Tagen ist Japans neuer Premierminister vereidigt worden, doch der Wahlkampf ging weiter. Denn für mehrere Zehntausend japanische Jugendliche war am Mittwoch Wahltag. Mit ihren Stimmzetteln durften sie bestimmen, welche Mitglieder der 48-köpfigen J-Pop-Gruppe „AKB 48“ die neue Single der Girl-Group einspielen dürfen.

Mitsingen beim Hit

Die 21 Mädchen mit den meisten Fan-Stimmen sichern sich ihre Teilnahme an dem neuen Hitsong, der mit ziemlicher Sicherheit wochenlang die obersten Plätze der japanischen Charts belegen wird. Schon zum 2. Mal ruft die Gruppe ihre Fans an die Wahlurne, um über eine „wichtige” musikalische Entscheidung abstimmen zu lassen. Basisdemokratie im Showbiz. Und ein genialer Marketing-Coup der Produzenten. Schliesslich berechtigt die Seriennummer der letzten AKB48-CD zur Wahl. Nicht zuletzt aus diesem Grund hat sich die letzte Single in nur einer Woche mehr als 500.000 Mal verkauft. Wer mehr CDs kauft, bekommt auch mehr Stimmen. Solange die Kasse klingelt, nehmen es die Produzenten doch nicht ganz so ernst mit demokratischen Prinzipien.

„Wahl“ wird live übertragen

Die Wahl ist ein gigantischer PR-Event. Die Show zur Stimmenauszählung findet in einer der größten Hallen Tokios statt und wird live in 29 Kinos in ganz Japan übertragen. Bis zum letzten Tag liefern sich die Kandidatinnen einen Wahlkampf, von dem selbst gestandene Politiker noch lernen können. Während Japans meist schon stark ergraute politische Klasse sich schwer tut mit neuen Medien wie Blogs und Tweeds, sind alle Formen der Online-Kommunikation für die Girlie-Stars ein absolutes Muss. Die jugendlichen Fans, von denen viele bei einer echten Wahl noch nie ihre Stimme abgegeben haben, erklären sich selbst zu Online-Wahlkampfmanagern ihrer Idole.

Parteien wollen lernen

Angesichts so viel ungewohnter Aktivität der ansonsten eher politikverdrossenenen Jung-Wähler ist AKB 48 mittlerweile sogar in Politkreisen ein Begriff. Etwas unbeholfen verkündet der Vorsitzende einer der vielen neuen kleinen Parteien, seine Partei werde bei der für Mitte Juli geplanten Oberhauswahl die „AKB 48-Strategie“ anwenden. Doch statt das erfolgreiche Kommunikationskonzept der Teenie-Stars zu kopieren, sieht der Polit-Profi in den 48 Mädels nur ein hübsches Synonym für seine Hoffnung auf 48 Parlamentssitze. Die AKB 48-Fans lässt diese Ansage denn auch erwartungsgemäß kalt. Sie diskutieren unterdessen, ob die 18jährige Top-Favoritin sich nicht auch als „echte“ Politikerin eignen würde.

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