Verantwortung ist ein gutes Geschäft


Immer mehr Investoren streben nach Gewinn auch im ökologischen und gesellschaftlichen Kontext. Das kann langfristig erfolgreich machen, sagt Ian Johnson, Generalsekretär des Club of Rome und früherer Direktor für Nachhaltigkeit der Weltbank.

Interview: Yvonne von Hunnius, Vaduz

Auf dem internationalen Seminar des Club of Rome, das gestern in Vaduz startete, werden Klima, Energie und die jüngste Wirtschaftskrise diskutiert. Welche Grundannahmen müssen in Frage gestellt werden?

Ian Johnson: Diese drei Herausforderungen scheinen auf den ersten Blick unabhängig voneinander zu sein – die zugrunde liegenden Phänomene sind es aber überhaupt nicht. Erstens: Finanzen sind für viele ein typisch kurzfristiges Thema: Es geht vor allem um den Return-on-Investment auf Jahresfrist. Wir sehen uns aber mit viel langfristigeren Problemen konfrontiert: Unsere Perspektive in Klimafragen erstreckt sich über viele Jahrzehnte. Doch Märkte reagieren viel eher auf kurzfristige Einflüsse. Ähnliches gilt für Politiker. An diesen Schnittstellen brauchen wir ein neues Denken. Zweitens sind heute die von vielen Geschäftsmodellen verursachten externen Kosten höher als die intern erwirtschafteten Gewinne. Egal ob wir über Emissionen, Ressourcenverbrauch oder Abfallprodukte reden – vielfach werden solche Faktoren nicht ausreichend oder gar nicht von den Märkten eingepreist. Die Antwort hierauf liegt in mehr Kreativität in der Gestaltung von Märkten. Das klassische Beispiel ist der Klimawandel und die ihn verursachenden Emissionen.

Als früherer Weltbank-Manager sind Sie zahlreichen Investitionsmodellen begegnet – welches könnte helfen, das Ziel “ehrlicher“ Marktpreise zu erreichen?

Johnson: Verantwortungsvolles Investieren setzt verantwortungsvolle Rahmenbedingungen für Investitionen voraus. In der Wirtschaft, auch in Liechtenstein, ist der Wille gross, verantwortungsvoll zu handeln. Das ist aber schwierig, wenn der politische Rahmen fehlt. Es ist beispielsweise unmöglich, einen Emissionshandel zu schaffen, wenn die Politik die Entstehung dieses Marktes nicht erleichtert. Deshalb müssen wir natürlichen Ressourcen einen Marktpreis geben, erst dann kann der Markt verantwortungsvoll mit ihnen wirtschaften. Auf nationaler wie internationaler Ebene brauchen wir deshalb konstruktive und fördernde Rahmenbedingungen.

Bei einer Rede in Vaduz sagten Sie, Überregulierung sei nicht das Problem einer neuen Finanzmarktarchitektur, es zähle nur die Frage nach gut oder schlecht…

Johnson: Es geht nicht um zu viel oder zu wenig Regulierung, sondern um die richtige Art der Regulierung. Ich glaube, die Privatwirtschaft will Regeln, die vorhersehbar, stabil und im wohl verstandenen öffentlichen Interesse sind. Es geht um die langfristige Sicht. Ansonsten werden Investoren nicht längerfristig investieren.

Ich glaube, dass wir beides brauchen: einen verantwortlichen Privatsektor und eine intelligente öffentliche Politik, die Rahmenbedingungen setzt, Motivation und Anreize schafft, zugleich aber dem Markt gestattet, so schöpferisch zu sein, wie der Markt nur sein kann.

Letztes Jahr hat Dennis Meadows in Zürich gesagt: “Die Annahme, Gewinnmaximierung sei das Ziel der Gesellschaft, ist für den Klimawandel falsch.” Wie denken Sie darüber?

Johnson: Ich glaube, finanzielle Profitabilität und umweltpolitische Verantwortung können Hand in Hand gehen, müssen es aber nicht notwendigerweise. Wenn wir beschliessen, es lohne sich eher, in immer teurere und gefährlichere Ölressourcen zu investieren, wie es gerade geschieht, als die gleiche Investitionssumme in alternative Energien zu stecken, ist das unverantwortlich. Damit ist auf kurze Sicht Geld zu verdienen, langfristig führt es zu Verlusten. Zwar werden Märkte bereits seit Jahrzehnten reguliert, die Welt des 21. Jahrhunders stellt uns aber vor neue Herausforderungen: Jetzt brauchen wir neue Standards, die die zeitliche Perspektive strecken, um längerfristige Investitionen zu ermuntern.

Noch komplexer ist die Frage der Beschäftigung, Jobs werden eines der Hauptprobleme dieses Jahrhunderts.

Was werden die Triebkräfte für eine nachhaltige Entwicklung sein?

Johnson: Ich glaube, das System ist von vielen Seiten unter Druck. Zunächst verstehen wir allmählich mehr von den Systemgrenzen. Vor zehn Jahren musste ich bei der Weltbank darum kämpfen, dass Investoren sich mit Themen wie Klimawandel oder dem Verlust an Biodiversität beschäftigten. Heute beschäftigt sich jeder damit. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der vergangenen Jahre haben einen Kulturwandel bewirkt. Und es gibt viele Engagierte im privaten und öffentlichen Sektor und bei den Nichtregierungsorganisationen, die sich mit den drängenden globalen Trends unserer Zeit beschäftigen. Wir erleben heute, dass viele Menschen eine Tendenz in Richtung grösserer Verantwortlichkeit für unseren Planeten anstossen.

Desweiteren ist Verantwortung ein gutes Geschäft. Unternehmen, die sich nicht nur den Anschein geben, sozial und ökologisch verantwortlich zu handeln, sondern dies auch tun, werden in zehn Jahren noch im Geschäft sein, während viele andere, die sich einzig auf kurzfristige Profitmaximierung konzentrieren, verschwunden sein werden. Wir beobachten schon jetzt eine Verlagerung zu verantwortungsvollen Investitionen. In den USA fliesst einer von neun angelegten Dollars in “responsible investments“. Investoren wollen eben nicht nur finanziellen, sondern auch psychologischen Gewinn.

Welche finanziellen Vermittlerdienste können Liechtenstein oder die Schweiz in den neuen Märkten für Energie und Emissionen leisten?

Johnson: Kleine Länder können sich oft überproportional einbringen, denn sie können unabhängig agieren. Diese Art von Unabhängigkeit ist ein Riesenvorteil. In einem kleinen Staat wird man nicht von einem mächtigen Aussenministerium in eine Richtung gedrängt. Der zweite Punkt ist natürlich: Liechtenstein wie auch die Schweiz verfügen über grosse Erfahrung als internationaler Finanzplatz. Somit glaube ich, Liechtenstein ist besonders für aufstrebende Volkswirtschaften ein guter Partner, eben weil es objektiv und unabhängig agieren kann. Es kann Finanzierungen für High-Tech-Lösungen zur Effizienzsteigerung unterstützen sowie technische Vorhaben mit Finanzmarktlösungen zusammenbringen. Sehr oft findet man sich mit guten Ideen im Death-Valley wieder: Sie scheitern an einem bestimmten Punkt ihrer Realisierung, weil es keine Finanzierung gibt, die einen Markteintritt auf breiter Front ermöglicht. Das ist ein Gebiet, auf dem finanzieller Erfahrungsschatz von grossem Wert ist.

Zur Person:

Ian Johnson ist Generalsekretär des Club of Rome. Der Brite war von 1998 bis 2006 Direktor für Nachhaltigkeit der Weltbank. Bevor er 1980 zur Weltbank gestossen war, hatte er für die UNICEF in Bangladesh und als Ökonom für die britische Regierung gearbeitet.

Heute ist er zudem in der Londoner Emissions- und Klimaschutzberatung IDEAcarbon als Berater tätig.

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