Die neue DDR


Russland hat den Fußball bisher vernachlässigt. Nun setzt Regierungschef Putin auf dessen Förderung – und auf den Aufbau einer Sport-Großmacht generell. Das erinnert an die DDR, als ebenfalls politische und wirtschaftliche Schwächen mit Sport verdeckt worden sind.

Von Axel Eichholz, Moskau

Der russische Regierungschef Wladimir Putin hat seinen wahren Beruf als Pokerprofi verfehlt. Scheinheilig hatte er erklärt, er wolle Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees durch seine Anwesenheit nicht beeinflussen und werde vor der Abstimmung über die Vergabe der Fußball-WM 2018 nach Zürich nicht kommen, vielleicht danach. In Medienkommentaren hieß es, Putin sei sich seiner Sache offenbar nicht sicher. Der langjährige Präsident des russischen Fußballverbandes Wjatscheslaw Koloskow sagte vor Ort, wenn sein Land den Zuschlag bekomme, so nur mit einer oder zwei Stimmen Vorsprung. Bei der Wettannahme wurde also Großbritannien favorisiert. Derweil ließ Putin seine Maschine im Regierungsflughafen Wnukowo-2 mit laufenden Motoren bereit stehen und war am selben Abend noch in Zürich. Entweder hatte er geblufft oder etwas gewusst, was Fußballexperten verborgen blieb.

Russland hat Fußball vernachlässigt

Großbritannien flog wider Erwarten schon nach der ersten Runde hinaus, obwohl seine Bewerbung nach Einschätzung aller hervorragend aufgebaut war. Russland benutzte die bewährte Taktik, die bereits Südafrika zu Erfolg verholfen hatte. FIFA strebt generell eine größtmögliche Ausweitung des Fußballspiels auf Gebiete, die bisher davon nicht erfasst waren. In Russland wurde Fußball nach dem Fall der Sowjetunion vernachlässigt. Besonders in der Provinz gibt es heute keine neuen Stadien. Selbst in Moskau ist es nur das altsowjetische Lenin-Stadion Luschniki für 80.000 Zuschauer. Ein weites Expansionsfeld bieten auch exsowjetische Republiken, die sich trotz der neuen Unabhängigkeit nach Moskau hingezogen fühlen. Mit Russland zusammen zählen sie mindestens 200 Millionen Einwohner. Und dann nimmt in Russland der Staat den Aufbau der ganzen Infrastruktur und die Koordinierung in die Hand, worauf sich FIFA erfahrungsgemäß verlassen kann.

Der kleine Sascha und der große Roman Abramowitsch

Berichten zufolge soll der russische Werbestreifen über den kleinen Sascha, der davon träumt, wie er zu der Fußballweltmeisterschaft kommt und das entscheidende Tor für sein Land schießt, an die Tränendrüsen der FIFA-Kommission gerührt haben. Auch war die Zusammensetzung der russischen Delegation gewinnend. Neben Beamten und Sportfunktionären gehörten ihr unter anderem der gefeierte Kicker Andrej Arschawin, die Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa und nicht zuletzt der Chelsea-Besitzer Roman Abramowitsch an. Als Putin bei der Pressekonferenz am Donnerstag gefragt wurde, woher er das viele Geld für den Bau von Infrastruktur und Olympiaobjekten nehmen wolle, sagte er, zum Beispiel werde Abramowitsch in die Tasche greifen. Er habe sehr viel Geld und helfe auch sonst dem russischen Fußball. Widerrede blieb aus.

Modernisierung mit einem Ruck

Gebaut werden muss so ziemlich alles: 16 Stadien in 13 Städten, Hotels, Straßen, Flughäfen und vieles andere mehr. Sicher wird das Land sie nach der WM gut gebrauchen können, und vielleicht würden sie auf andere Weise nie zu Stande kommen. Die Fußballweltmeisterschaft gebe Russland die einmalige Chance, die geplante Modernisierung mit einem Ruck voranzutreiben, schrieb die liberale Internet-Zeitung Gaseta.ru gestern in einem Kommentar.
Angeblich billiger, als Winterolympia 2014
Nach vorsichtigen Schätzungen wird Russland für WM-Vorbereitungen in den nächsten sieben Jahren 100 Milliarden US-Dollar (75 Milliarden Euro/100 Milliarden Franken) aufwenden. Finanzminister Alexej Kudrin versicherte am Rande der FIFA-Tagung, es werde jedenfalls weniger sein als die Kosten der Winterolympia 2014 in Sotschi. Das hätte er lieber nicht sagen sollen, weil heute schon niemand die Ausgaben dafür übersehen kann. Kritische Stimmen sagen, es werde alles Geld „zusammengeklaut“. „Optimisten“ meinen, geklaut werde in jedem Fall, ob mit oder ohne WM. Es sei also besser, wenn dabei auch nützliche Dinge entstehen. Putin schwebt eine neue Sport-Supermacht nach dem Vorbild der Ex-DDR vor, die politische und wirtschaftliche Fehlschläge mit den Leistungen ihrer Sportler überpinseln konnte. Er hat bereits den Zuschlag für die Winterolympia und den Bau einer Formel-1-Rennstrecke bei Sotschi bekommen. „Die FIFA-Entscheidung gibt Putin die Möglichkeit für eine politische Konservierung Russlands und erhöht seine Präsidentschaftschancen“, kommentierte Gaseta.ru.

Mögliche „Motivierung“ der FIFA-Mitglieder

Schon vor der Abstimmung in Zürich hatte Putin Russlands „unlautere Konkurrenten“ kritisiert, die FIFA-Beamte „völlig zu Unrecht mit Schmutz bewerfen“. Offenbar konnte er dadurch aber nicht alle Zweifel am Zustandekommen der Zürcher Entscheidung ausräumen. Die „Nesawissimaja Gaseta“ teilte gestern unter Berufung auf einen nicht genannten britischen Fußballexperten mit, dass in der Folgezeit alle Einnahmen der Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees und ihrer Familien von Spezialagenten überwacht werden sollen. Der Verdacht einer „Motivierung“ ihrer Entscheidung bleibe bestehen. Die Moskauer „Wremja Nowostej“ macht auf jüngste Kontakte zwischen Doha und Moskau aufmerksam. Der erste Besuch aus Katar habe im Oktober unter strengster Geheimhaltung stattgefunden. Der Chef der Bewerbungskommission, Emir Hanad ben Chalifa al-Tani, sei binnen kurzer Zeit zweimal in Moskau gewesen, heißt es. Katar bekam in Zürich den Zuschlag für die darauffolgende Fußball-WM 2022.

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