Aschenputtel als Staatsfeindin


In autoritären Regimen muss der Dichter sagen, was andern verwehrt ist. So auch in der russischen Provinz Kamtschatka. Der König in „Aschenputtel“ hat sich über ein leckendes Dach beschwert und über die Verschiebung der Zeitzonen lustig gemacht. Die Behörden haben das Stück umgehend verboten.

Von Axel Eichholz, Moskau

Märchen können hochpolitisch sein: Die Behörden der Halbinsel Kamtschatka im äußersten Nordosten Russlands haben versucht, eine Aschenputtel-Aufführung des örtlichen Dramatheaters „wegen Verhöhnung der Staatsmacht“ zu verbieten. Wie der Ex-Gouverneur der Kamtschatka-Region Michail Maschkowzew in seinem Internet-Blog mitteilte, waren die ersten vier Vorstellungen von „Aschenputtels Neujahrsabenteuern“ vor vollem Haus gelaufen, bis die Vizegouverneurin Irina Tretjakowa das Theater am russischen Weihnachtstag, dem 7. Januar, besuchte. In der Version des französischen Märchenerzählers Charles Perrault lässt der König alle Uhren in seinem Schloss um eine Stunde zurückstellen, damit Aschenputtel das Fest nicht wie immer vor Mitternacht verlässt. Nach dieser Szene verließ Tretjakowa erzürnt den Zuschauerraum. Am nächsten Tag wurde der Theaterdirektor zur Kulturministerin von Kamtschatka Galina Malachowa zitiert, die die Aufführung verbot.

Märchenkönig erinnerte an Medwedew

Im November 2009 hatte der Präsident Dmitri Medwedew in seiner Jahresbotschaft angeregt, die Zahl der Zeitzonen in Russland von derzeit elf auf vier zu reduzieren. Damit glaubte er, russische Provinzregionen an Moskau fester anzubinden. Schon im nächsten Frühjahr verzichtete Kamtschatka auf die Sommerzeit und blieb eine Stunde zurück. Als lokale Behörden im Herbst versuchten, die Uhr um eine weitere Stunde zurückzustellen, versammelten sich die Einwohner der Gebietshauptstadt Petropawlowsk-Kamtschatki auf dem Hauptplatz zu einer Protestkundgebung. Dort brach die Dunkelheit ohnehin schon am frühen Nachmittag an. Die Umsetzung der Präsidentenidee drohte, Tag und Nacht vollends durcheinander zu bringen. Der Uhren zurückstellende König wurde also als Anspielung auf Medwedew empfunden.

War die Uhrengeschichte höchstwahrscheinlich ungewollt hineingerutscht, so hatte der Regisseur einen anderen aktuellen Bezug mit Sicherheit bewusst in das Stück eingebaut. Als die Gäste merken, dass es im Festsaal hineinregnet, sagt der König, die Baubehörde sei daran schuld. Er habe den Palast voll renovieren lassen, das Dach lecke aber trotzdem. Auch das Dramatheater war mit demselben Effekt renoviert worden.

Behörden machen Rückzieher

Doch das Verbot löste Proteste aus. Am Tag der nächsten Aufführung versammelten sich rund 1.000 Zuschauer vor dem Theatergebäude. Die Schauspieler verbanden sich die Münder mit Stoffbahnen, auf denen „Von Zensur verboten“ stand, und traten so vor die Menge. Die Behörden machten einen Rückzieher, und die Vorstellung fand doch statt. Die Uhrenpassage wurde von anhaltendem Beifall begleitet. Um die Peinlichkeit – vor allem gegenüber Moskau – zu übertünchen, haben die Behörden Maschkowzews Bericht als „Unsinn“ dementiert. Mehrere Schauspieler bestätigten ihn aber.

Die nächste Aufführung soll am morgigen Donnerstag stattfinden. Man ist gespannt, ob die Truppe das Stück ungekürzt spielen oder die anstößigen Stellen weglassen wird. Alle Karten sind vergriffen.

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