Wippen für die Einheit


Die Gestaltung des neuen Freiheits- und Einheitsdenkmals in Berlin ist nun entschieden. Es wird eine riesige, begehbare Waagschale. Die Riesenschüssel wird 60 Meter breit sein und erhielt vom Deutschen Bundestag den Titel „Bürger in Bewegung“.

Von Roland Mischke, Berlin

Schüler auf Klassenreise werden begeistert sein. In drei Jahren können sie auf der Schlossfreiheit im historischen Berlin eine riesige, begehbare Waagschale erklimmen, sich dort mit anderen über die Fläche verteilen und loswippen. Das Schaukeln wird Spaß machen, soll aber auch Prozesse von sozialer Formierung und Verbrüderung, ja, die Einheit der deutschen Nation versinnbildlichen. Cool, werden die Zehntklässler rufen und mit ordentlich hüpfender Masse das kolossale Ding in Bewegung setzen.

„Bürger in Bewegung“

Das zukünftige Nationaldenkmal wird ein interaktives, spielerisches Element im Superformat sein, direkt gegenüber dem Humboldtforum in barocker Schlosshülle.

Die Riesenschüssel wird 60 Meter breit sein und erhielt vom Deutschen Bundestag den Titel „Bürger in Bewegung“. Geschaffen hat sie der Stuttgarter Designer Johannes Milla unter Mitarbeit der Berliner Tänzerin und Choreografin Sasha Waltz. Sie beginnt zu schwingen, sobald sich Bürger über Stufen in sie hineinbegeben. „Wir können gemeinsam mit unseren Körpern die Erinnerung generieren“, so Sasha Waltz. Das Denkmal stehe für Partizipation, Aktivierung und Verständigung. Auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) vertrat im Bundestag die Ansicht, dass an die Stelle des einstigen Kaiser-Wilhelm-Denkmals nun etwas Nicht-Imperiales gehöre. „Im besten Brechtschen Sinne wird hier ein Ort umfunktioniert“, schwärmte er. Da knickte selbst Claudia Roth von den Grünen ein, die protestiert hatte, dass es keine öffentliche Diskussion gegeben habe. Sie wolle sich der künstlerischen Ausarbeitung natürlich nicht verweigern, so die Grünen-Chefin, sie sei bereit, sich in den Entwurf noch einmal zu vertiefen.

Wippen in Gruppen

Spektakulär ist die Deutschlandwippe, auch volksnah, denn das gemeine Fußvolk kann sich zu jeder Zeit darauf in (Einheits-)Laune versetzen. Die 15-köpfige Jury, zu der Architekt Meinhard von Gerkan, die Künstlerinnen Monica Bonvicini und Katharina Fritsch und Politiker gehörten, votierte einstimmig für den Entwurf. 533 Vorschläge waren nach der Ausschreibung eingegangen, keiner gefiel, darunter verschmockte nationalistische Symbolik und Gaga-Ideen wie eine Riesenbanane. Der Wettbewerb wurde 2010 neu eröffnet, drei Künstler kamen ins Finale. Neben Milla Andreas Meck mit einem Denkmalsockel für ein riesiges Dach aus beziehungsreichen Wörtern und Stephan Balkenhol mit figürlicher Bildhauerei, einem nach Osten knienden Mann. Balkenhol lag lange gut im Rennen, war den Juroren aber am Ende zu konventionell. Bundesvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) erklärte am besten, warum Deutsche ein solches Denkmal brauchen: „Unsere Identität als ein normales, durchschnittliches europäisches Volk sollte nicht in der Erinnerung an den Holocaust bestehen, sondern auch an die gelungenen Seiten unserer Geschichte.“

Lange und unerfreuliche Diskussion

Die inhaltlichen Vorgaben waren klar: Die friedliche Revolution in der DDR und die deutsche Einheit als Folge sollten in den Zusammenhang aller deutschen Freiheits- und Einheitsbewegungen gestellt werden. Mit der jetzigen Entscheidung geht eine lange, unerfreuliche Diskussion zu Ende. Bernd Neumann hat Recht, wenn er betont, mehr parlamentarische Legitimation sei nicht möglich. Dennoch wäre es eine kühne, Aufsehen erregende Wahl gewesen, hätte man sich für Balkenhols nach Osten knienden Mann entschieden. Das hätte die Gefühlslage vieler Deutscher, vor allem im Osten, getroffen, das hätte Dankbarkeit, auch Demut ausgedrückt. Doch der Riesenschalen-Entwurf hat einfach mehr Spass-Charakter, das gefällt Volksvertretern, die an ihre Wähler denken.

Milla und seine Partner haben bei Peter Eisenman geschaut. Dessen Holocaustmahnmal nahe dem Brandenburger Tor wurde nach mehr als zehnjähriger, teilweise erbitterter öffentlicher Diskussion errichtet und von der Bevölkerung und Touristen angenommen. Mehrere tausend Menschen begeben sich täglich in den Stelenwald. Die Erfahrungstiefe des Mahnmals wird das neue Nationaldenkmal nicht bescheren. Zudem sind die Sicherheitsbedingungen noch nicht geklärt: Werden mehrere Tonnen bewegt, muss es eine Balustrade geben, Sicherheitspersonal, Regeln. Das könnte ganz schön spassverderbend sein.

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