Wenn der Dollar wichtiger wird als die Noten


Das Philadelphia Orchestra ist das erste amerikanische Klassik-Orchester von anerkanntem Weltrang, das Bankrott gemacht hat. Die bisherige feste Institution des Musiklebens an der US-Ostküste musste Insolvenz anmelden.

Von John Dyer, Boston

Die Grosse Rezession verschont in den Vereinigten Staaten auch die Kunst nicht. Das Philadelphia Orchestra ist das erste amerikanische Klassik-Orchester von Weltrang, das dem wirtschaftlichen Druck nicht mehr standhalten konnte. Im April meldete es seine Insolvenz an. Allein in diesem Jahr würde sich der Verlust auf 14,5 Millionen Dollar (12,8 Millionen Franken) belaufen, hatten die Finanzverantwortlichen errechnet.

Hoffnung auf Chance zum Neustart

Seinen schon eingegangenen Konzerverpflichtungen will das Philadelphia Orchestra in der laufenden Saison noch nachkommen. Man hofft sogar, aus dem Bankrott gestärkt hervorzugehen, ähnlich wie das in der Autobranche mit GM (General Motors) möglich war. Ein Schock für die Kulturinteressierten in den USA war die Nachricht dennoch. Denn das Philadelphia Orchestra ist eine Institution, eine unantastbare Kulturgrösse an der Ostküste der USA. Es brachte wichtige europäische Komponisten in die USA und es spielte den Soundtrack für Erfolgsfilme wie Wald Disneys „Fantasia“ ein.

Der finanzielle Zusammenbruch des Orchesters war eigentlich keine Überraschung. Wie viele andere Klassik-Orchester in Amerika musste auch das Philadelphia Orchester harte Auseinandersetzungen und Arbeitskämpfe um höheres Salär, Pensionen und Gesundheitsvorsorge durchstehen. Von Seattle bis Cleveland sehen sich die Orchester diesem Druck ausgesetzt, und das zu einer Zeit rückläufiger Geldmittel und Spenden, geringerer Einnahmen aus den Kartenverkäufen.

Andere Orchester betroffen

Erst am 19. April hat sich das New Mexico Symphony Orchestra nach 80 Jahren seines Bestehens aufgelöst, in denen es den Musikliebhabern von Albuquerque und Santa Fe gedient hatte. Seit zwei Jahren schon hatten die Musiker nicht mehr die in den USA meist vom Arbeitgeber bezahlte Krankenversicherung gehabt, die letzten vier Monate spielten sie ohne Bezahlung.

Im Fall des Philadelphia Orchestra hofft Orchesterleiter Richard Worley auf ein gutes Ende. Bei Einreichen des Insolvenzantrags sagte er, dies müsse nicht das Ende der Institution sein. Im Gegenteil, unter dem Schutz der US-Bankrottgesetze könne man vom Druck der eingegangenen Pensionsverpflichtungen befreit werden und Arbeitsverträge neu verhandeln.

Das Orchester hat laut Medienberichten 45 Millionen Dollar an nicht gedeckten Pensionsverpflichtungen angesammelt. Nach Worleys Angaben hat man schon bis zum Insolvenzantrag knapp 320.000 Dollar für Verfahrenskosten ausgeben müssen. So sei nur diese Ausweg geblieben.

Kompromiss in Cleveland

Das Philadelphia Orchestra gehört zu der kleinen Gruppe amerikanischer Elite-Orchestern von internationalem Ruf, wie New York Philharmonic, Boston Symphony Orchestra, Chicago Symphony Orchestra und Cleveland Orchestra.

Für alle unter der Grossen Rezession leidenden Orchester könnte Cleveland als ein nachahmenswertes Beispiel dienen. Dieses Orchester stand im vergangenen Jahr vor dem Aus, wegen Arbeitsstreitigkeiten. Aber man fand dort im Januar einen Kompromiss, der die Gehälter der Musiker auf dem bisherigen Stand einfriert. Diese verpflichten sich dafür, zusätzliche Aufführungen zu geben und auch, die Steigerung der Krankenversorgung aus eigener Tasche zu bezahlen. Der Kompromiss kontrolliere die Ausgaben, aber nicht auf Kosten der Qualität, hiess es in Cleveland sowohl von Arbeitgeber- als auch von Arbeitnehmerseite.

Das Geheimnis hinter dem „Deal“: Das Orchester verlässt Cleveland in Ohio. Die Stadt dort hat im vergangenen Jahrzehnt 17 Prozent seiner Bevölkerung verloren, die Weltklasse-Musiker hatten zuhause nicht mehr genügend zahlendes Publikum. Zusätzliches Geld wurde durch Konzerte in Miami aufgebracht, immerhin neun Millionen Dollar in vier Jahren. Inzwischen will man auch in anderen Städten der USA auftreten; längere Gastspiele sind in Bloomington, in Indiana, in New York und in Europa in Wien und beim Lucerne Festival in der Schweiz geplant.

Die Lösung: Mehr Gast-Konzerte

„Für Miami ist das grossartig“, meint Hector Fortun vom Musikverein in Miami. „Wir hören eines der besten Orchester der Welt in Miami, mit anspruchsvoller Musik, mit Besuchen in unseren Schulen – eine fabelhafte Bereicherung.“ Der Mann aus Miami verglich das Orchester gar mit typischen US-Grossereignissen wie der „Super Bowl“ oder der Miami Boat Show, zu er Zuseher oder –hörer auch aus Puerto Rico oder Venezuela angereist kämen.

Das Cleveland Orchestra füllt in Florida auch eine Lücke, denn das Florida Philharmonic Orchestra in Fort Lauderdale musste schon 2003 schliessen, ebenfalls aus Finanznot.

Die Musiker sind zufrieden mit der neuen Regelung, auch wenn sie öfter spielen müssen. Jeffrey Rathbun (Oboe), der als Sprecher der Musiker bei Arbeitskonflikten auftritt, meint: „Wir sind froh, dass das Management unsere Botschaft verstanden hat und uns erlaubt, weiter wettbewerbsfähig zu bleiben.“

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Das Philadelphia Orchestra ist das erste amerikanische Klassik-Orchester von anerkanntem Weltrang, das Bankrott gemacht hat. Die bisherige feste Institution des Musiklebens an der US-Ostküste musste Insolvenz anmelden.

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One Response to “Wenn der Dollar wichtiger wird als die Noten”

  1. Hubert 3 mai 2011 at 18:36 #

    Hallo! Ich weiß nicht ganz, ob ich in diesem Punkt mit dir übereinstimme. Da du die Argumente der Gegenseite ein bisschen zu stark abwertest, kommt es mir leider so vor, als wrdest du dich nicht ernst genug damit beschäftigen. Zeig mir doch das Gegenteil 😉 VG!

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