Die Toten müssen warten


Moskau ist in einem Umkreis von hundert Kilometern von Rauch umgeben. Die Sterberaten haben sich verdoppelt. Die Regierung will in einer Woche die Brände unter Kontrolle gebracht haben. Dann soll auch das Wetter umschlagen.

Von Axel Eichholz, Moskau

Es ist viel los vor der Einfahrt zum Chowanskoje-Friedhof am südwestlichen Stadtrand von Moskau. Busse mit breiten schwarzen Trauersteifen an der Seite und kleinen Klappen hinten, durch die nur der Sarg hindurch passt, füllen den Parkplatz. Das andere Ende der Hauptallee ist nicht zu sehen. Dichter Smog umhüllt auch die näher liegenden Grabsteine. Der Zwiebelturm über der kleinen Friedhofskirche verschwindet im Dunst.

Tauchermasken sind Trumpf

Die Trauergäste wirken wie eine Schutzmaskenausstellung. Die einfachsten Schutzmasken, grün, aus nicht gewebtem, nach der Malimo-Technologie aus der Ex-DDR hergestelltem Stoff sind glatter Selbstbetrug. Sie schützen zwar die Umstehenden vor ausgeatmeten Grippeviren, nicht aber den Benutzer vor winzigen Rußpartikeln in der Luft. Selbst genähte Masken aus mehreren Lagen Mull sind nicht viel besser. Der Staubschutz für Bauarbeiter fängt zwar Feststoffe auf, ist aber gegen Kohlenmonoxid machtlos, dessen Konzentration den maximal zulässigen Wert siebenfach übersteigt. Dasselbe gilt auch für Aktivkohlefilter. Das einzige, was hundertprozentig hilft, sind Tauchermasken mit Sauerstoffflaschen. Ein stolzer Besitzer dieser Einrichtung Alter wirkt wie ein Marsbewohner.

Krematorien haben Heizverbot

In der Friedhofsverwaltung, wo sich die nächsten Angehörigen drängen, ist es angenehm kühl. Man kann den Mundschutz vorübergehend abnehmen. Nikolai Nikolajewitsch, der Administrator vom Dienst, der die Genehmigungen für die Beisetzung unterschreibt, atmet müde auf. Ohne die vorige Woche eingebaute Klimaanlage würde er jetzt auch eine Parzelle und einen Grabstein brauchen, scherzt er nicht gerade lustig. Galgenhumor oder berufliche Gewohnheit? „Sie sehen doch, was los ist“, sagt er. Auch das kleine, vor dem Hintergrund der grauen Landschaft blendend weiße Krematorium jenseits der schmalen Landstraße ist überfordert. Der hohe Kamin qualmt nicht. Der oberste Sanitätsarzt Russlands hat Betriebsverbot für Schadstoffe und Qualm ausstoßende Fabriken und sonstige Einrichtungen ausgesprochen, um die ohnehin schlimme Situation nicht noch mehr zu belasten. Trauerzeremonien finden aber statt. Anschliessend werden die Verstorbenen in den Kühlräumen im Keller eingelagert. Sie haben es dort sicher angenehmer, als die Hinterbliebenen oben, wo seit Tagen Temperaturen zwischen 37 und 39 Grad herrschen.

Zwei bis drei Mal mehr Tote als sonst

Der Leiter der städtischen Gesundheitsbehörde, Andrej Selzowski, gab am Montag zu, was er tagelang dementiert hatte. Die Sterberaten haben sich verdoppelt. Starben früher 360 bis 380 Menschen täglich, so seien es im Smog jetzt 700, so der Beamte. Nach inoffiziellen Angaben haben sich die Totenzahlen sogar verdreifacht. Die Leichenschauhäuser arbeiten unter Anspannung aller Kräfte. Von insgesamt 1500 Plätzen seien 1300 ständig belegt, heißt es. Der Neuzugang rekrutiert sich vorwiegend aus Herzkranken. Lungenkranke rangieren auf Platz zwei. Echte Hitzetote sind dagegen selten.

Der Wind kommt schon seit Tagen aus südöstlicher Richtung. Dort liegen die Torfsümpfe von Schatura und Noginsk. In den 60er und 70er Jahren wurden sie trockengelegt. Man brauche neues Ackerland, hieß es. Torf wurde auch als billiges Düngemittel und zum Heizen von Wärmekraftwerken gebraucht. Seitdem brennt es jedes Jahr, mal schwächer mal stärker. Doch die letzten großen Torfbrände datieren von 1972. Damals wurde der Kreml auch von Smog eingehüllt, allerdings lange nicht so arg wie jetzt.

Missglückte Reise nach Kaluga

Wer kann, fährt weg. Am vergangenen Wochenende hatte der Moskaus oberster Arzt die Einwohner aufgefordert, die Stadt nach Möglichkeit zu verlassen. Doch diese Möglichkeit gibt es kaum noch, wie Lena und Aljoscha (beide 60) feststellen mussten. Sie wollten mit dem Auto nach Kaluga fahren. Auf der Kiewer Chaussee fuhren alle Autos mit aufgeblendeten Nebelscheinwerfern. Unterwegs wurde der Qualm wider Erwarten nicht weniger. An der Kreuzung mit dem zweiten Moskauer Autoring mussten sie wegen schlechter Sicht mit der Geschwindigkeit heruntergehen. In dem noch 30 Kilometer weiter gelegenen Naro-Fominsk legten sie auf einen Halt ein. Das örtliche McDonald`s war voll. Es bot Durchreisenden und ortsansässigen Provinzlern eine klimatisierte Oase. Coca-Cola mit Eiswürfeln ging bei 39 Grad Hitze reißend weg. Gespräche spannten sich an. Bald wussten die beiden Smog-Flüchtlinge, dass der Wald dicht am zweiten Autoring auf dem dortigen Armeeübungsgelände Alabino brannte. In den Medien wurde aus Geheimhaltungsgründen nichts darüber mitgeteilt. Bei Kaluga brenne der Wald auch, hieß es. Das dortige Volkswagenwerk habe vor zwei Tagen die Arbeit wieder aufgenommen, jetzt aber wegen Smog erneut unterbrochen.

Piloten landen auf eigenes Risiko

Das Weiterfahren hatte keinen Sinn, und sie kehrten um. 30 Kilometer vor Moskau besaßen sie ein Stück von der Kiewer Chaussee entfernt ein Häuschen. Es musste dort allemal besser sein, als in der verräucherten Stadt mit ihrem glühend heißen Asphalt. In dem seit Tagen luftdicht verschlossenen Haus war die Luft kühl und sauber. Man konnte die paar Tage dort überdauern, nur die Fenster zubehalten. Die Datschensiedlung lag zehn bis fünfzehn Kilometer vom Flughafen Wnukowo entfernt. Startende und landende Flugzeuge hatten ihnen sonst immer zugesetzt. Jetzt vermissten sie den Motorenlärm. Am Sonntag sollte ihr ältester Sohn Mischa von der Krim zurückkommen. Wnukowo und der weiter östlich gelegene Flughafen Domodjedowo waren absolut dicht. Zum Glück sollte seine Maschine in Scheremtjewo im Norden Moskaus landen. Dort bekamen die Piloten das Recht, „nach dem faktischen Wetter zu handeln“. Im Klartext durften sie landen, wenn sie das Risiko auf sich laden wollten. Anderenfalls mussten sie nach Petersburg oder Woronesch ausweichen. Am Sonntagmorgen rief ihr Sohn von Kertsch an und sagte, er starte jetzt zum Flughafen Simferopol. Er habe aber Probleme mit dem Telefon.

Betrüger nutzen den Smog

Gegen Abend traf eine SMS-Nachricht ein. Sie lautete: „Mama, ich habe hier große Probleme; schickt 950 Rubel (25 Euro) auf das Telefon-Konto…“ (Die Nummer folgte). Näheres werde er erzählen, wenn er wieder da sei. Aljoscha fuhr zum nahen Städtchen Troizk und zahlte den Betrag ein. Lena saß derweil allein zu Hause und hatte um ihren Sohn Angst. War er abgestürzt oder auf der im Volksmund „Sewastopoler Walzer“ genannten Serpentinenstraße zwischen Kertsch und Simferopol mit dem Auto verunglückt? Ihr Mann versuchte, sie zu beruhigen. Dann hätte Mischa sicher nicht geschrieben, er werde alles nach der Ankunft in Moskau erzählen. Gegen Mitternacht klingelte das Telefon. Der Sohn klang fröhlich. Er sei in Moskau gelandet, und sein Telefon gehe, anders als in der Ukraine, wieder. Ob er das Geld bekommen habe? „Wieso Geld?“, fragte er zurück. Der Vater erläuterte die Situation. Lena ging als erster ein Licht auf. „Gott sei Dank, es waren Betrüger“, stieß sie aus. „Ich danke auch euch recht schön, ihr Betrüger; Hauptsache er lebt“, betete sie. Ihr Mann stand blamiert da. Wie konnte er bloß auf diese plumpe Gaunerei hineinfallen.

Angeblich nur noch eine Woche Hitze

Gestern versprach der Katastrophenschutzminister Sergej Schoigu, dem alle Feuerwehren Russlands unterstehen, alle Brände rund um Moskau spätestens in einer Woche zu löschen. „Wir schaffen es, wenn wir mit dem jetzigen Tempo weitermachen“, erklärte er vor einer Fernsehkamera. Zum ersten Mal wurde zugegeben, dass Qualm die Gegend um die russische Hauptstadt im Umkreis von 100 Kilometern in allen Richtungen zugedeckt habe. Am Mittwoch oder Donnerstag soll der Wind von Südost auf Nordwest umschlagen und den Smog vertreiben. Nach Angaben der Moskauer Wetterwarte wird er Anfang kommender Woche Gewitterwolken mit sich bringen. Ab nächsten Montag werde das Thermometer auf 22 Grad sinken, heißt es. Dann werden sich die Moskauer der Südseetemperaturen sehnsüchtig erinnern, prophezeien die Wetterfrösche. Sturmwind werde womöglich Bäume entwurzeln und Dächer abdecken. Das wird aber eine andere Geschichte.

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