Hitlergruß unter der Kremlmauer


In Moskau rüsten gewaltsame Fußballfans und Verbände von Kaukasiern gegeneinander auf. Am Mittwoch soll es zu neuen Auseinandersetzungen kommen. Bereits am Samstag wurde beim Kreml randaliert. Anlass ist der Mord an einem russischen Spartak Moskau-Fan.

Von Axel Eichholz, Moskau

Der russische Präsident Dmitri Medwedew hat in seinem Twitter-Blog versichert, die Behörden hätten in Moskau und im übrigen Russland alles im Griff. An die „Miesmacher“ gewandt versprach er, alle, die hinter den Unruhen vom vergangenen Samstag standen, zu fassen und zu bestrafen. Bis zu 10.000 militante Fußballfans und Mitglieder rechtsradikaler Gruppen hatten sich am Moskauer Manegeplatz in unmittelbarer Kremlnähe versammelt. Sie rissen die rechte Hand zum Nazigruß hoch, riefen „Siegheil“ und forderten ein „Russland für die Russen“. Rund 30 Kundgebungsteilnehmer und mehrere Polizisten wurden zum Teil schwer verletzt. Es war das erste Mal, dass Rechtsradikale politische Forderungen erhoben: Sie verlangten den Rücktritt der Regierung, wenn diese nicht die „Kaukasier“ aus Moskau vertreibe.

Kaukasier erschossen „Spartak“-Fan

Den Anlass für diese Gewaltwelle hatte ein Zwischenfall in der vergangenen Woche geliefert. Junge Dagestaner rempelten etwa gleichaltrige Russen an einer Bushaltestelle an. Die Russen wurden zusammengeschlagen und mit Gummikugelpistolen beschossen. Der 28jährige Jegor Swiridow bekam vier Kugeln in den Bauch und starb. Die Angreifer wurden festgenommen, am nächsten Tag aber bis auf den Todesschützen wieder freigelassen. Die Russen waren Anhänger von Spartak Moskau. Etwa 1.000 Fußballfans legten am Dienstagabend den Verkehr an der Ausfahrt zum internationalen Flughafen Scheremtjewo lahm. Am Samstagvormittag zog eine Fankolonne zu der Haltestelle, wo sich der Zusammenstoß ereignet hatte. In St. Petersburg hielten etwa 1.000 zur selben Zeit eine Solidaritätskundgebung ab.

Moskauer Polizeichef kam persönlich

Die Aktion am Nachmittag war drei Tage vorher angekündigt worden. Die Polizei hatte sich offenbar von früheren friedlichen Aktionen täuschen lassen und riegelte nur die Zugänge zum Roten Platz und zum Alexandergarten an der Kremlmauer ab. Ein Maskierter forderte, ein Vorgesetzter solle kommen und „Fragen beantworten“. Der Moskauer Polizeichef Wladimir Kolokolzew erschien persönlich. Auf die Frage, warum die Mörder freigelassen wurden, konnte er aber nicht antworten. „Wir bestrafen niemand, das tun die Staatsanwälte“, sagte er. Das brachte die Fans vollends auf. In diesem Moment entdeckte jemand Kaukasier am Straßenrand, die sich in die Menge verirrt hatten. Etwa 50 Randalierer fielen über sie und über Polizisten her, die sie zu schützen versuchten.

Krawalle gingen in der U-Bahn weiter

Bierflaschen, Eisenstöcke, Steine und Eisschollen flogen gegen die Polizisten. Schmuck vom Weihnachtsbaum in der Platzmitte wurde an den Köpfen zerdrückt. „Ich habe selbst gesehen, wie einem unserer Leute eine Fackel auf die Schulter fiel“, berichtete General Kolokolzew. Der Mann habe schwere Brandwunden erlitten. „Nur nicht totschlagen!“, rief einer der Veranstalter, aber niemand hörte hin. Anschließend wurde die Randale unter in der U-Bahn fortgesetzt. Unslawisch aussehende Fahrgäste wurden aus Waggons gezerrt und verprügelt. Einer wurde bis auf die Unterhose nackt ausgezogen und mit schweren Winterschuhen getreten. Bald fuhren die Züge durch, ohne die Türen aufzumachen. Totenmeldungen wurden später dementiert. Die Anführer so genannter „Firmen“ (großer Fanverbände) haben sich unterdessen von Krawallen distanziert. Jemand habe sie für politische Zwecke missbraucht, hieß es.

Fortsetzung am Mittwoch geplant

Im Internet wurden die jeweiligen Anhänger im Namen der Fußballfanklubs und der Kaukasierverbände zu Racheaktionen am nächsten Mittwoch am Kiewer Bahnhof aufgefordert. Sowohl die „Fan-Firmen“, als auch die Zuwandererverbände haben diese Ankündigung dementiert. Es gibt indes keinen Zweifel, dass beide trotzdem kommen.

Der Leiter der Abteilung für Kontakte mit der Gesellschaft der russisch-orthodoxen Kirche, Wsewolod Tschaplin, warnte die Beteiligten. Moskau und Russland hätten eine gefährliche Grenze erreicht. Die Landesführung müsse ihre nationale Politik in den nächsten Wochen, noch besser Tagen von Grund auf ändern, sagte er. Einerseits forderten Zugereiste die ortsansässige Bevölkerung heraus. Andererseits nutzten Extremisten nationale Konflikte, um Anhänger anzuwerben und „im Idealfall die Macht zu ergreifen“. Die Behörden müssen deshalb hart auf Ausfälle von Fremdengruppen aber auch von Extremisten hart reagieren, so der Kirchensprecher.

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