Roberto Savianos seltsames Verhältnis zu seiner Verlegerin


In Italien ist Roberto Saviano „ein Volksheld“. So sagt es kein geringerer als der Schriftsteller Umberto Eco („Der Name der Rose“). Der linke Saviano, ein feuriger Kritiker von Berlusconi, hatte mit seinem Buch „Gomorrah“ einen Weltbeststeller gelandet. Am letzten Samstag nahm er – zusammen mit Umberto Eco – an einer Anti-Berlusconi-Veranstaltung in Mailand teil und wurde bejubelt. Doch jetzt gibt der 31jährige Volksheld Rätsel auf.

Saviano lebt seit vier Jahren unter Polizeischutz. „Ich weiss nicht, wie lange ich noch lebe“, sagte er in einem Interview. Die Mafia hat ihm mit dem Tod gedroht. Das 2006 publizierte Buch wurde in Italien zwei Millionen Mal verkauft. Es wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und landete ganz oben auf den Bestsellerlisten. „Gomorrah“ wurde auch verfilmt und erhielt in Cannes den grossen Preis der Jury.

„Gomorra“ (auf Italienisch ohne –h) beschreibt im Detail das Funktionieren der „Camorra“, der neapolitanischen Mafia. Kurz nach der Publikation wurde entdeckt, dass der Calesi-Clan der Camorra konkrete Vorbereitungen getroffen hatte, um Saviano zu töten.

Symbol für ein sauberes Italien

Saviano, am 22. September 1979 in Neapel geboren, studierte Philosophie und arbeitete dann als Journalist für das linke Blatt „Il Manifesto“. Anschliessend schrieb er für die Berlusconi-kritische Tageszeitung „La Repubblica“ und für das Wochenmagazin „L‘Espresso“.

Saviano, ein ruhiger, fast schüchterner Mann, ist nicht nur ein Volksheld. Er hat sich den Ruf eines ehrlichen, seriösen Zeitgenossen erworben. Er ist heute ein Symbol für ein sauberes Italien. „Wir wollen die Ehre Italiens wieder herstellen“, sagte er an der Mailänder Veranstaltung von „Libertà e Giustizia“ am letzten Samstag. Saviano kämpft für die Respektierung von Verfassung und Gesetzen. Immer wieder verteidigt er die Richter – im Gegensatz zu Berlusconi, der sie als „Kommunisten“ und „Deppen“ verteufelt.

Jetzt schreibt Saviano ein neues Buch. Sein Titel: „Vieni via con me“. Das ist der Titel eines dreissigjährigen Chansons von Paolo Conte. Aber es ist auch der Titel von vier Fernsehsendungen, die Saviano im vergangenen November und Dezember realisiert hat.

Mehr Zuschauer als bei einem Champions League-Spiel

Die Sendungen, die auf Rai tre, dem dritten Kanal der öffentlich-rechtlichen RAI liefen, waren ein überwältigender Erfolg. Sie zogen elf Millionen Zuschauer an – mehr Publikum als Champions League-Spiele oder „Big Brother“. Zudem wurden die Sendungen zwölf Millionen Mal im Internet aufgerufen.

Doch das Quotenwunder kam dem Generaldirektor der RAI, Mauro Masi, sehr ungelegen. Masi, ein Stiefellecker erster Güte, versuchte die Sendungen im Auftrag Berlusconis zu verhindern. Erfolglos. Rai tre ist noch der einzige grosse italienische Fernsehkanal, den Berlusconi nicht ganz unter Kontrolle bringt.

So sprachen denn Roberto Saviano und der bekannte Journalist Fabio Fazio vier Abende lang über Berlusconi, über den Müll in Neapel, über die Erdbebenopfer von L’Aquila, über die Jugendarbeitslosigkeit, die jetzt fast 30 Prozent beträgt, über die falschen Versprechungen der Regierung, über die Renten, die zum Leben nicht mehr ausreichen. Wichtige Leute traten auf, alles Berlusconi-Gegner: Nobelpreisträger Dario Fo, Stardirigent Claudio Abbado und Umberto Eco. Die Sendungen bestanden aus langen Dialogen und wirkten auf den ersten Blick langweilig und langfädig. Dass sie zum absoluten Quotenrenner wurden, sagt viel aus über den politischen und moralischen Zustand des Belpaese.

Jetzt will Saviano die Monologe und Gespräche von „Vieni via con me“ als Buch herausgeben. Und jetzt beginnt eine hitzige Diskussion.

Ein Linker publiziert bei Berlusconi

Den Welterfolg „Gomorra“ hatte Saviano im Mailänder Verlagshaus „Mondadori“ publiziert. Ausgerechnet.

Denn Monadori gehört dem Berlusconi-Clan. Direktorin ist Marina Berlusconi, die älteste Tochter des Ministerpräsidenten. Wie kann ein linker, scharfer Berlusconi-Kritiker seine Bücher bei Berlusconi verlegen?

Der bekannte Autor Sandro Veronesi, sagt, er begreife nicht, weshalb Saviano für Monadori schreibe.

Vor kurzem kam es zum Eklat. Am 22. Januar verlieh die Universität Genua Saviano die Ehrendoktorwürde. In seiner Dankensrede vermachte Saviano die Auszeichnung symbolisch drei Richtern: Ilda Boccassini, Pietro Forno und Antonio Sangermano. Sie sind es, die den Fall „Ruby“ untersuchen. Da gilt es zu prüfen, welche Beziehung Berlusconi zur damals minderjährigen Marokkanerin gehabt hat. Saviano sagte in seiner Rede, die drei Richter würden „schwierige Momente durchleben, obwohl sie nur ihre Pflicht tun“. Tatsächlich: Berlusconi und seine Medien scheuen vor nichts zurück, die drei in den Schmutz zu ziehen.

Vieles ist seltsam

Für Marina Berlusconi war Savianos Rede zu viel. „Mir läuft es kalt über den Rücken“, sagte sie. Berlusconi steht mit Saviano schon lange auf Kriegsfuss. Der Ministerpräsident behauptet, Savianos „Gomorra“ schade dem Ruf Italiens und fördere die Mafia. Dass Saviano regelmässsig für die eher linke „La Repubblica“ schreibt, steigert Berlusconis Wut noch mehr. „La Repubblica“ ist – nach der rosaroten Sportzeitung „Corriere dello Sport“ – die grösste italienische Zeitung.

Jetzt will Saviano bei Mondadori aussteigen. Natürlich reissen sich die italienischen Verlage um ihn. Alle versuchen sie ihn zu ködern: Bompiani, Rizzoli, Longanesi und Chiarelettere. Und Feltrinelli, das linke Verlagshaus. Und Carlo Feltrinelli ist es jetzt offenbar, der den Zuschlag erhält.

Vieles mutet jetzt seltsam an. Da werden plötzlich Fakten ausgebreitet und kommentiert, die längst bekannt sind. Da werden Fragen gestellt, auf die es noch keine Antwort gibt.

Weshalb hat Saviano bei Mondadori publiziert? Aus Nachlässigkeit, aus finanziellen Überlegungen? Man weiss es nicht. War er zu Beginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit einfach blauäugig? Kaum zu glauben. Da profiliert sich ein Nationalheld fast täglich als Kämpfer gegen Berlusconi und seinen Clan – und er lässt diesen Clan mit seinen Werken gutes Geld verdienen.

Seltsam auch, dass Saviano bei Mondadori erst ausgestiegen ist, als ihn Marina Berlusconi als „Schande für den Verlag“ bezeichnet hat. Saviano war nicht die treibende Kraft für den Bruch, er war der Getriebene.

Doch auch die plötzliche Entrüstung in der Bevölkerung wirkt seltsam. Alle wissen, dass Gomorra bei Mondadori publiziert wurde. Die zwei Millionen Käufer des Buches müssen nur auf den Buchdeckel blicken; da steht der Name des Verlegers. Doch erst jetzt, als ob es eine Neuigkeit wäre, wird heftig debattiert.

Sandro Veronesi hatte mehr Mut als Saviano. Auch er publizierte einst bei Mondadori. Als Berlusconi den Verlag übernahm sprang er ab.

Article paru sur Journal21

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