NZZ rechnet mit besseren Zeiten


Die NZZ-Gruppe hat die Krise besser überstanden als erwartet. Gruppenchef Albert P. Stäheli hofft, dass frühere Umsatzspitzen wieder erreicht werden können. Er sieht die NZZ gut aufgestellt für die Zukunft, Arrondierungen und Akquisitionen schliesst er nicht aus.

Interview: Steffen Klatt

Hat es Sie gewurmt, als die Besitzer der Basler Zeitung andere Bieter vorzogen?

Albert Stäheli: Wir haben uns für die Basler Zeitung interessiert, wie andere Interessenten auch. Im allerletzten Moment hat ein Bieter scheinbar nochmals kräftig nachgelegt. Das muss man akzeptieren, wenn man sich Limiten gesetzt hat. Ich nehme den Entscheid der Besitzer nicht emotional, sondern sportlich. Was mich allerdings reut, ist der nutzlose, doch recht erhebliche Management- und Kostenaufwand der mit diesem Projekte verbunden war.

Geht Ihnen damit der zweitwichtigste Wirtschaftsstandort der Deutschschweiz für alle Ewigkeit durch die Lappen?

Albert Stäheli: Wie lange diese Ewigkeit dauert, weiss ich nicht. Es ist aber nicht so, dass wir auf diesen Standort angewiesen wären, um als NZZ-Mediengruppe existieren zu können. Ganz im Gegenteil, wir hätten wesentlich zur Stabilisierung der wirtschaftlich schwierigen Lage der Basler Zeitung beitragen können, und wir sind auch bereit, mit den neuen Besitzern über Kooperationen zu sprechen.

Als Tito Tettamanti und Martin Wagner die Basler Mediengruppe übernommen haben, sagten sie, damit hätten sie einen Einheitsbrei von Basel bis Chur verhindert. War es die Absicht der NZZ-Gruppe gewesen, einen solchen Einheitsbrei einzurühren, etwa mit einem gemeinsamen Mantel?

Albert Stäheli: Nein. Das war nicht unsere Absicht. Basel ist eine Region mit einer starken eigenen Identität. Und eine eigene Identität verlangt nach originären journalistischen Inhalten. Aber natürlich wären neben den Verlagsbereichen auch im Publizistischen punktuelle Kooperationsmöglichkeiten mit unseren Regionalzeitungen und allenfalls weiteren Verlagen geprüft worden.

Würden Sie auch anderswo zukaufen wollen? Immerhin gibt es nicht mehr viele Regionalzeitungen ausserhalb der NZZ-Gruppe und der Tamedia.

Albert Stäheli: Tatsächlich kann man die Zahl der Marktteilnehmer, die sich noch nicht an einen Partner anlehnen, an ein paar Fingern abzählen. Unsere Regionalzeitungen haben in ihren Regionen eine sehr starke Stellung. Sie sind daher nicht auf weitere Gruppenmitglieder angewiesen. Vielmehr profitierten neue Partner davon, wenn sie sich an eine Plattform wie unsere Freie Presse Holding (NZZ-Regionalzeitungsgruppe, stk.) anschliessen würden.

Bestände also die Möglichkeit, sich der Freien Presse Holding anzuschliessen, ohne gleich an die NZZ-Gruppe zu verkaufen?

Albert Stäheli: Das kommt auf die speziellen Umstände an. Wir sind selbstverständlich immer offen für zweckmässige Kooperationen und haben solche auch aus eigener Initiative angeregt. Man müsste dann bestimmte Prozesse standardisieren, Leistungen koordiniert erstellen, mit der gleichen Informatik arbeiten, es ist ein Geben und Nehmen. Die Last könnte aber auf mehrere Schultern verteilt werden.

Ist das ein Angebot an die Südostschweiz und die Aargauer Zeitung?

Albert Stäheli: Wir sprechen mit allen und alle sprechen mit allen. Es ist bekannt, wer was zu bieten hat, weniger klar ist, wer was liefern und wer was beziehen würde.

Planen Sie jetzt eine Splitt-Ausgabe der NZZ für die Region Basel?

Albert Stäheli: Nein, das planen wir nicht, mindestens zur Zeit nicht, auch wenn uns gewisse Basler Kreise zu einem solchen Schritt ermuntern möchten.

Rechnen Sie mit weiteren Flurbereinigungen?

Albert Stäheli: Ja, aber natürlich wird in unserer Branche viel gemunkelt. Der Strukturwandel hat in Abschwungphasen bekanntlich Konjunktur. Sobald es wieder aufwärts geht, wird es schnell wieder ruhiger. Wir sind interessiert, im Rahmen unserer Proportionen Akquisitionen zu tätigen und Arrondierungen vorzunehmen, sei es in Print oder Online.

Mitte März haben Sie das Ergebnis 2009 vorgelegt, es resultiert ein klarer Verlust. Wie stark ist die Gruppe von der Krise getroffen worden?

Albert Stäheli: Sogar die NZZ hat operativ Gewinn gemacht, alle anderen Zeitungen unserer Gruppe auch. Es sind allein ausserordentliche Faktoren, die unsere Bottom Line knapp rot machten . Wir mussten Wertberichtigungen im Beteiligungsaufwand vornehmen, hatten erheblichen Restrukturierungsaufwand und ausserordentliche Abschreibungen auf Liegenschaften und Informatiksystemen. Ich bin für dieses äusserst schwierige Jahr froh, dass wir im Betriebsergebnis der Gruppe schwarz abschliessen konnten. Beim letzten Abschwung vor sieben Jahren musste die NZZ-Gruppe einen Verlust von 50 Millionen Franken einstecken. Wenn man bedenkt, dass wir im letzten Jahr rund 25 Prozent unserer Anzeigenerträge verloren haben, wird deutlich, dass wir sehr hart an unserer Effizienz gearbeitet haben. Das stimmt mich für die Zukunft positiv.

Heisst das, dass die Gruppe aus Ihrer Sicht die Krise gut weggesteckt hat?

Albert Stäheli: Wir haben die Hausaufgaben gemacht. Unsere Finanzsituation ist kerngesund und wird sich in den nächsten Jahren weiter verbessern. Wir mussten uns im vergangenen Jahr ein strenges Fitnessprogramm verordnen das schon in diesem Jahr deutliche Ergebnisse zeitigt. Nach den ersten beiden Monaten 2010 können wir das klar feststellen. Wir haben die Kosten im Griff, erschliessen weiteres Rationalisierungspotenzial im Druckbereich und von einem weiteren starken Rückgang des Werbemarktes gehen wir nicht mehr aus.

Werden die Erträge in diesem Jahr wachsen?

Albert Stäheli: Wir haben nochmals leicht tiefere Werbeerträge und leicht höhere Einnahmen aus den Nutzermärkten budgetiert. Die Werbemärkte bleiben wahrscheinlich auf tiefem Niveau. Der Stellenmarkt hingegen scheint sich etwas früher als erwartet aufzuhellen. Aber die Talsohle werden wir in diesem, spätestens nächsten Jahr durchschreiten. Das wird sich positiv in unseren Ergebnissen niederschlagen.

Wo wird der Aufschwung zuerst einsetzen?

Albert Stäheli: Das wird vermutlich im Anzeigenteil und dort im Stellemarkt sein. Das ist der volatilste Teil unseres Geschäfts, der im Abschwung auch zuerst einbricht. Ende 2008, anfangs 2009 war das sogar ausgesprochen stark der Fall, im Ausmass wahrscheinlich historisch einmalig. Wir haben in kurzer Zeit rund 50 Millionen Franken Anzeigenumsatz verloren. Das waren Überreaktionen der Nachfrage, die sich korrigieren werden, ganz ähnlich der Börsenentwicklung. Ich denke, auch die Erträge bei den elektronischen Medien und sogar die Druckerträge werden sich im nächsten Aufschwung wieder erholen.

Erwarten Sie, dass der Vorkrisenstand wieder erreicht werden kann oder wandert ein Teil des Geschäfts dauerhaft ins Internet ab?

Albert Stäheli: Wenn ich das wüsste. Eine leise Hoffnung habe ich immer noch, dass wir alte Spitzen wieder erreichen. Die letzte Spitze hatten wir im Jahr 2000. Das Jahr 2007 kam leider bei Weitem nicht mehr an jene Werte heran. Die strukturelle Verschiebung wird nicht aufzuhalten sein.

Das neue Radio- und Fernsehgesetz ist Wirklichkeit, bis auf ein paar Konzessionen, die erst provisorisch vergeben sind. Sind Sie für die NZZ-Gruppe zufrieden mit dem Ergebnis?

Albert Stäheli: In St. Gallen wurde die uns erteilte Konzession bestritten. Mittlerweile senden wir mit einer provisorischen Konzession, bis die vom Bundesverwaltungsgericht verordnete Überprüfung der Konzessionserteilung abgeschlossen ist. Das hat wenigstens ein paar unternehmerische Probleme gelöst, weil wir in der vorherigen Unsicherheit die geplanten Investitionen stoppen mussten, ja sogar mit Entlassungen beim Sender TVO rechnen mussten.

In Luzern sind wir mit der neuen Konzession sehr zufrieden. Der Start mit Tele 1 ist geglückt, der Sender kommt in der Zentralschweiz gut an, wir sind auf Budgetkurs und erwarten bereits im ersten Jahr ein ausgeglichenes Ergebnis.

Bietet das neue Gesetz eine dauerhafte Lösung?

Albert Stäheli: Das RTVG ist eine Kompromisslösung. Das rührt daher, dass die Politik in der Schweiz nicht bereit war, der öffentlich-rechtlichen SRG eine Konzession ohne Werbung zu geben und allein auf Gebührenfinanzierung zu setzen. Man wollte der SRG sowohl die Gebühren als auch die stärkste Stellung im Werbemarkt geben. Damit blieb privaten Anbietern nichts anderes übrig, als selber einen Anspruch auf den Gebührentopf zu erheben. Nun fliessen von einer Milliarde Franken an Gebühren knapp 30 Millionen an private Veranstalter. Damit lassen sich zwar ein paar Regionalsender unterstützen, aber eine richtige private Fernsehindustrie wird auf dieser Basis für die Schweiz nie mehr möglich sein.

Haben die Verleger also für ein Linsengericht das Quasi-Monopol der SRG akzeptiert?

Albert Stäheli: Es ist schon ein ordnungspolitischer Sündenfall. Aber was wäre bei der damaligen politischen Ausgangslage sonst die Lösung gewesen? Die Privaten hätten aufs Fernsehmachen verzichten müssen und Regionalfernsehen hätte sich in der Schweiz nie entfalten können.

Die NZZ-Gruppe ist mit Zeitungen, Radio, Fernsehen und im Internet unterwegs. Ist das jetzt eine schöne abgerundete Medienunternehmung, die keine Ergänzung mehr braucht?

Albert Stäheli: Wir sind im Print gut aufgestellt, Arrondierungen sind wie gesagt bei Gelegenheiten möglich. Im Online haben wir Nachholbedarf und stellen uns organisatorisch neu auf. Die NZZ ist als Premium-Produkt ausgezeichnet positioniert, auch mit ihren Nebenprodukten wie NZZ Folio oder Format NZZ. In der Marke NZZ steckt Potenzial für weitere verwandte Aktivitäten, sei es in Print, elektronischen und digitalen Medien.

Albert Stäheli: In den Regionen Ostschweiz und Zentralschweiz sind wir ebenfalls gut und multimedial aufgestellt. Wir haben starke Wettbewerbspositionen in diesen Märkten, die uns ermöglichen, den Werbemarkt national und regional erfolgreich auszuschöpfen.

In den vergangenen anderthalb Jahrzehnten haben sich die beiden grossen Zürcher Tageszeitungsgruppen, die NZZ und Tamedia mit dem Tages-Anzeiger, ein Wettrennen um die Vorherrschaft in der Deutschschweiz geliefert. Gibt sich die NZZ künftig mit der Rolle als der kleinsten der grossen Zeitungsgruppen zufrieden?

Albert Stäheli: Grösse allein ist nicht entscheidend. Wir sind mit der NZZ im qualitativ höchsten Bereich angesiedelt. Das Marktpotenzial in diesem Segment ist zwar limitiert, aber zukunftsträchtig. Bei aller Veränderung der Mediennutzung hat die NZZ, sei es im Print oder im Digitalen, dank ihrer anerkannten journalistischen Qualität eine gute Perspektive. Ob wir die kleinsten unter den grossen oder die grössten unter den kleinen sind, spielt für uns keine Rolle. Wichtig ist für uns, die Rentabilität und die Ertragskraft zu erhalten. Das ist die Voraussetzung, um unsere eigenständige publizistische Leistung unabhängig entfalten zu können. So wollen es auch die Statuten unserer Gesellschaft.

Zur Person:

Albert P. Stäheli ist seit Oktober 2008 CEO der AG für die Neue Zürcher Zeitung. Davor war er Chef von Espace Media, der Mediengruppe um die Berner Zeitung, die seit 2007 zu Tamedia gehört. Zur NZZ-Gruppe gehört ausser der NZZ selbst die Freie Presse Holding als Holdinggesellschaft für die NZZ-Regionalmedien.

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