Eine bescheidene Datscha am Meer


Anderswo stürzen Kleptokraten im Wochentakt. Doch in Russland lässt sich Wladimir Putin, der eigentliche starke Mann im Land, für eine Milliarde Dollar einen Luxuspalast am Schwarzen Meer bauen.

Von Axel Eichholz, Moskau

Da war es erst eine Behauptung: Am 23. Dezember schrieb der russische Unternehmer Sergej Kolesnikow einen offenen Brief an den Präsidenten Dmitri Medwedew. Darin befasste er sich mit Korruptionsfällen in der Umgebung des Regierungschefs Wladimir Putin. Seine Kernaussage: Bei Gelendschik am Schwarzen Meer wird seit 2006 an einem „persönlichen Erholungskomplex“ für den Regierungschef Wladimir Putin gebaut. 2007 seien dort Weinberge für eine hauseigene Weinkelterei angelegt worden, hieß es. Kolesnikow hatte nach eigenen Worten Einblick in die Finanzdokumente gewonnen und schätzte die Kosten des „Projektes Süd“ auf eine Milliarde US-Dollar (735 Millionen Euro/965 Millionen Franken).

Journalisten festgenommen

Die Beschreibung ging über das Einbildungsvermögen des Normalbürgers weit hinaus: ein riesiger „Wohnpalast“, ein Spielkasino, ein Theater, eine Freilichtbühne, eine Hauskirche für den bekanntermaßen frommen Premier, mehrere Schwimmbecken, ein Sportkomplex, Hubschrauberlandeplätze, Landschaftsparks, Teehäuser. Im Januar brachte die nach dem WikiLeaks-Vorbild im russischen Internet eingerichtete Webseite RuLeaks Fotos vom „Putin-Palast“. Am vergangenen Wochenende drangen Umweltschützer und eine Journalistin auf das Baugelände vor und wurden dort festgenommen. Uniformierte, die sich als Mitarbeiter des Föderalen Wachdienstes vorstellten, hielten sie eine Nacht lang fest. Zwar wurden sie am Morgen des 12. Februar wieder freigelassen, sie bekamen aber ihre Telefone, Computer, Kameras und Aufnahmen und Aufzeichnungen nicht zurück.

Verlogenes Dementi

In der Umgebung von Gelendschik spricht man offen von Putins Palast. Als entsprechende Berichte erschienen, musste der Kreml reagieren. Als erster meldete sich der Kreml-Verwaltungsleiter Wladimir Koschin zu Wort. Er lese oft Berichte über „irgendwelche Paläste bei Gelendschik“. Dies habe mit der Kremlverwaltung und dem Regierungschef nichts zu tun. „Wir haben dort nie gebaut, wir bauen dort nichts und wir wollen dort nichts bauen“, erklärte Koschin. Nun hat aber die kritische „Nowaja Gaseta“ Dokumente aufgetrieben, die ihn Lügen strafen. Im Juni 2005 hatte Koschin einen Vertrag für den Bau einer Pension in Praskowejewka bei Gelendschik eigenhändig unterschrieben. Auch ein Zusatzabkommen vom 10. November 2008 trägt seine Unterschrift.

Kreml hat Residenz auf der Krim verloren

Der Wunsch der russischen Landesführung nach einer angemessenen Sommerresidenz am Schwarzen Meer scheint verständlich. Die einstigen Generalsekretäre pflegten den Sommer in Foros auf der Krim zu verbringen. Leonid Breschnjew bestellte die Chefs der „sozialistischen Bruderländer“ dorthin zum Rapport und prägte den Begriff „Krim-Treffen“. Der letzte war Michail Gorbatschow. Als er 1991 in Foros am Strand lag, putschte seine Umgebung gegen ihn in Moskau. Die Sowjetunion brach zusammen. Nach dem Wegfall der Ukraine verlor die russische Führung auch den Palast am Schwarzen Meer. Die stille Bucht von Gelendschik bei Noworossijsk wäre ein ebenbürtiger Ersatz gewesen. Doch der Bau wurde nicht als staatliches Regierungsobjekt deklariert.

Reiche Unternehmer müssen zahlen

Kolesnikow bestätigte der „Nowaja Gaseta“, dass ihre Unterlagen echt seien. Der erste Investor des „Projektes Süd“ war nach seinen Worten eine Lirus AG, die einem alten Freund Putins, Nikolai Schamalow, gehörte. Im Laufe der Zeit änderten sich Firmennamen, aber nicht der Sachverhalt. Medienberichten zufolge mussten reiche Unternehmer von Anfang an Putins privaten Palastbau mitfinanzieren. Als erster steuerte der Chelsea-Besitzer Roman Abramowitsch 203 Millionen Dollar bei, heißt es. 14,9 Millionen Dollar kamen da nn vom Hüttenmagnaten Alexej Mordaschow. Andere mussten nachziehen.

Auch heute sind die Zusammenhänge um den Palastbau undurchschaubar. Man fragt sich, wieso Kolesnikow, der immer ein enges Verhältnis zum Putin-Intimus Schamalow hatte, den Enthüllungsbrief schrieb. Aus idealistischen Gründen, behauptet der Unternehmer selbst. Kolesnikow lebt derzeit im Ausland. Einige Kommentatoren wittern wie immer in solchen Fällen einen Machtkampf zwischen Medwedew und Putin.

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